So entstand 1974 das erste Schweizer Tattoo-Studio
Heute gehört Tätowieren zum Alltag: Ein professionelles Studio an fast jeder Ecke, hygienische Einwegmaterialien, modernste Maschinen und präzise Nadeln. Doch wie sah das eigentlich vor über 50 Jahren aus? Machen wir eine Zeitreise zurück ins Jahr 1974. Eine Zeit, in der Tinte unter der Haut in der Schweiz noch stark stigmatisiert war.
Der Pionier: Wer ist Dischy?
Hinter dem ersten Schweizer Tattoo-Studio steht Dietmar «Dischy» Gehrer. Als 19-Jähriger begann er 1974 mit dem Tätowieren – in einer Zeit, in der es in der Schweiz weder eine etablierte Tattoo-Szene noch spezialisierten Fachhandel gab. Die ersten Schritte wagte er in einem Hinterzimmer des Gasthauses «Sonne» in Rheineck (Kanton St. Gallen).
Dietmar „Dischy“ Gehrer (heute 71) ist von Geburt österreichischer Staatsangehöriger und wuchs in Höchst/Vorarlberg auf. Im Alter von 12 Jahren tätowierte er einen Schulkollegen Karl May. So ziert bis heute ein Büffelschädel den Arm des damaligen Mitschülers. Wie tief er stechen musste, wusste er nicht. “Bis es wehtut, und dann noch ein bisschen weiter”, erzählt er schmunzelnd. Darauf gekommen war er beim Anschauen einer Wochenzeitschrift mit einem Artikel über Knast Tattoos im Nachbarhaus. Eltern und Lehrerin waren nicht sehr erfreut.
Mit 16 baute er seine erste Tattoo Maschine, ein Jahr später übersiedelte er in die Schweiz. Er wohnte bei seiner Freundin, deren Mutter Wirtin der Gaststätte «Sonne», einem Biker-Treff in Rheineck war. Er begann eine Ausbildung zum Velomechaniker, die er jedoch abbrach, um hinter dem Gastraum der Gaststätte ein Tattoo Studio zu eröffnen. „Ein Studio in Vorarlberg wäre 1974 undenkbar gewesen. Damals gab es noch ein Gesetz, welches das Tätowieren verbot, das Gesetz stammte noch aus dem 18. Jahrhundert”, sagte Gehrer. Mit 18 tätowierte er dann seine ersten Kunden in seinem Studio.
Vom Hinterzimmer zur Legende
Aus dem Provisorium im Gasthaus wurde schnell Ernst: Dischy meldete sein Gewerbe offiziell an und eröffnete sein Studio an der Hauptstrasse in Rheineck. Damit schrieb er Schweizer Geschichte als der erste offiziell eingetragene Tätowierer des Landes. Was damals als rebellisches Nischenhandwerk galt, führte er bis Februar 2026 als traditionsreiches Studio fort.
Damals vs. Heute: Ein Blick auf den Wandel
Wer heute ein Tattoo-Studio betritt, findet hochsterile Räume, modernste Wireless-Maschinen, REACH-konforme Farben und unterschiedlichste Stilrichtungen von Fine Line bis Blackwork.
1974 sah die Realität völlig anders aus:
Anerkennung: Tätowierungen waren gesellschaftlich stark stigmatisiert.
Ausrüstung: Nadeln, Farben und Maschinen musste man sich oft selbst beschaffen, anpassen oder aus dem Ausland importieren.
Know-how: Es gab kein Internet, keine Online-Tutorials und kaum Vorbilder. Alles basierte auf Learning by Doing und echtem Pioniergeist.
Fazit: Respekt vor den Wurzeln
Dass Tattoo Kunst in der Schweiz heute so vielfältig, akzeptiert und professionell ist, verdanken wir den Pionieren der ersten Stunde. Dischys Mut legte damals das Fundament für die gesamte Schweizer Szene. Ein Stück Schweizer Tattoo Geschichte, das man auf jeden fall kennen sollte!
Das Studio wurde nach 52 Jahre offiziell geschlossen (Februar 2026). Heute tätowiert Dischy privat in Österreich (Gaissau). Mittlerweile nicht mehr mit der schweren, aus einer alten Spritzpistole selbst konstruierten Maschine. Leichtes Werkzeug «Made in China» erleichtert heutzutage das zum Teil stundenlange Arbeit.